
Das Elektronische Patientendossier (EPD) ist weniger ein Effizienz-Tool als eine direkte Antwort auf die tief verwurzelte Schweizer Datenskepsis.
- Die grössten Datenschutzrisiken lauern nicht im EPD, sondern bei unregulierten Gesundheits-Apps, die Ihre Daten mit sozialen Netzwerken verknüpfen können.
- Der Kern des EPD ist die radikale, granulare Kontrolle: Sie allein entscheiden, welcher Arzt welche Information wie lange einsehen darf.
Empfehlung: Nutzen Sie das EPD nicht passiv, sondern gestalten Sie es aktiv. Definieren Sie von Anfang an präzise Zugriffsrechte, um die volle Datensouveränität zu erlangen und die Vorteile sicher zu nutzen.
Fitness-Tracker am Handgelenk, Symptom-Check per App und „Dr. Google“ als erster Ansprechpartner bei gesundheitlichen Fragen – die digitale Gesundheit ist längst in unserem Alltag angekommen. Sie verspricht Komfort, schnelle Informationen und eine aktivere Rolle im eigenen Wohlbefinden. Doch mit jedem Klick wächst bei vielen eine fundamentale Sorge: Was passiert wirklich mit meinen hochsensiblen Gesundheitsdaten? Diese Frage ist in der Schweiz, einem Land mit ausgeprägtem Bewusstsein für Privatsphäre, besonders brisant.
Das Elektronische Patientendossier (EPD) soll die Antwort sein: eine sichere, landesweite Infrastruktur, um die Behandlungsqualität zu verbessern und die Effizienz im Gesundheitssystem zu steigern. Die Realität zeichnet jedoch ein anderes Bild. Wie eine aktuelle Onedoc-Umfrage zeigt, haben bisher weniger als 1% der Schweizer Gesamtbevölkerung 2024 ein EPD eröffnet, und 40% haben noch nie davon gehört. Die Kluft zwischen dem technologischen Potenzial und dem gesellschaftlichen Vertrauen ist riesig. Viele sehen im EPD eine zentrale Datensammelstelle und fürchten den Kontrollverlust.
Doch was, wenn diese Perspektive den entscheidenden Punkt übersieht? Dieser Artikel argumentiert, dass die wahre Revolution des EPD nicht in der reinen Digitalisierung von Dokumenten liegt, sondern in einem radikalen Prinzip: der Datensouveränität. Es geht darum, die Kontrolle dorthin zurückzugeben, wo sie hingehört – zum Bürger. Wir analysieren, wo die wirklichen Gefahren für Ihre Daten lauern, wie das EPD Ihnen eine bisher nie dagewesene Kontrolle ermöglicht und warum sich die Schweiz mit diesem digitalen Wandel historisch so schwertut.
Dieser Leitfaden bietet Ihnen eine fundierte Perspektive, um die Chancen und Risiken des EPD abzuwägen. Entdecken Sie, wie Sie die digitalen Werkzeuge des Gesundheitswesens selbstbewusst und sicher für sich nutzen können.
Inhalt: Das Elektronische Patientendossier im Realitätscheck
- Dr. Google vs. App: Wann ist die KI-Diagnose nützlich und wann gefährlich?
- Schritte gegen Rabatt: Was macht die Versicherung wirklich mit Ihren Apple-Watch-Daten?
- Papierlos in die Apotheke: Wie der Barcode auf dem Handy Medikamentenfehler verhindert
- Diabetes-Management per App: Wie digitale Helfer den Blutzucker stabilisieren
- Notfallzugriff ja oder nein? Wie Sie entscheiden, welcher Arzt was sehen darf
- Neon, Zak oder Privatbank: Wo sind Ihre Gebühren niedriger und der Service besser?
- Nach dem Nein zur Privat-ID: Wie der Bund jetzt eine vertrauenswürdige digitale Identität baut
- E-ID und digitales Dossier: Warum tut sich die Schweiz so schwer mit der Digitalisierung des Staates?
Dr. Google vs. App: Wann ist die KI-Diagnose nützlich und wann gefährlich?
Die schnelle Suche nach Symptomen im Internet oder die Nutzung einer KI-gestützten Diagnose-App ist für viele der erste Schritt bei gesundheitlichen Beschwerden. Diese Werkzeuge können zwar eine erste Orientierung bieten, bergen aber erhebliche Risiken, die oft im Widerspruch zur Sicherheitsphilosophie des EPD stehen. Das Misstrauen ist in der Bevölkerung tief verankert: 73% der Schweizer nutzen weder KI-Tools noch Chatbots bei der Gesundheitsversorgung, und nur 2% vertrauen voll auf eine KI-Diagnose.
Die grösste Gefahr liegt im unkontrollierten Datenabfluss. Während das EPD einem strengen gesetzlichen Rahmen unterliegt, operieren viele kommerzielle Apps in einer Grauzone. Ihre Privatsphäre ist dort oft nur ein Nebensatz in den Nutzungsbedingungen. Ein prägnantes Beispiel zeigt die Grenzen und Gefahren dieser kommerziellen Angebote auf.

Wie Sie an diesem Bild erkennen können, spiegelt die Unsicherheit im Gesicht des Nutzers das grundlegende Dilemma wider: Man sucht Hilfe, ist sich aber des Preises – der eigenen Daten – nicht sicher. Diese kommerziellen Angebote stehen im starken Kontrast zur Idee eines nationalen, patientenkontrollierten Systems.
Fallbeispiel: Die Datenschutzproblematik der Ada Health App
Die populäre Symptom-Checker-App Ada Health illustriert das Problem perfekt. Obwohl die KI bei der Symptomeinschätzung hilfreich sein kann, ist die Nutzung in der Schweiz aus Datenschutzsicht höchst problematisch. Die Anmeldung erfordert oft ein Konto bei Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Instagram. Dadurch können hochsensible Gesundheitsdaten direkt mit persönlichen Social-Media-Profilen verknüpft werden. Dieses Vorgehen ist mit den strengen Anforderungen des Schweizer Bundesgesetzes über das elektronische Patientendossier (EPDG) und des neuen Datenschutzgesetzes (nDSG) unvereinbar und zeigt, wo die eigentliche Gefahr des Kontrollverlusts lauert: ausserhalb des regulierten EPD-Ökosystems.
Letztlich dient die KI-Diagnose als nützliches Werkzeug zur Vorinformation, darf aber niemals eine professionelle ärztliche Abklärung ersetzen. Die wahre Gefahr besteht nicht in der Technologie selbst, sondern in der kommerziellen Verwertung der Daten, die Sie dabei preisgeben.
Schritte gegen Rabatt: Was macht die Versicherung wirklich mit Ihren Apple-Watch-Daten?
Bonusprogramme von Krankenkassen, die einen gesunden Lebensstil mit Rabatten belohnen, werden immer beliebter. Sie tracken Schritte, sportliche Aktivitäten oder Vorsorgeuntersuchungen und versprechen finanzielle Vorteile. Doch die Frage, die sich viele Versicherte stellen, ist berechtigt: Was passiert mit den Daten, die meine Apple Watch oder mein Smartphone an die Versicherung sendet? Und beeinflussen diese Daten meine Prämien oder gar meinen Versicherungsstatus?
Die Versicherungen betonen, dass die Teilnahme freiwillig ist und die gesammelten Daten primär für die Bonusprogramme verwendet werden. Programme wie Helsana+ oder CSS myStep erfreuen sich grosser Beliebtheit. Die Versicherungen geben an, dass bereits 2018 über 105’000 Nutzer die Helsana Scan App und über 16’000 Personen das CSS myStep-Programm nutzten. Der zentrale Punkt ist hier die Anonymisierung und Aggregierung der Daten. Die Versicherungen haben kein Interesse an den individuellen Gesundheitsdetails, sondern an statistischen Trends und der Förderung eines gesunden Kollektivs.
Die Versicherungen sind sich der Sensibilität des Themas bewusst und arbeiten mit externen wissenschaftlichen Partnern zusammen, um das Vertrauen zu stärken. Carole Sunier, Pressesprecherin der CSS, erklärt das Vorgehen zur Sicherung der Datenintegrität:
Der CSS-Versicherung werden nur Schrittdaten übermittelt, die durch das Health-IS Lab der Universität St.Gallen und der ETH Zürich anonymisiert ausgewertet werden. Dies lässt keine Rückschlüsse auf Kunden und deren Gesundheitszustand zu.
– Carole Sunier, CSS Pressesprecherin
Wichtig ist die strikte Trennung: Die Grundversicherung darf keine Daten aus diesen Programmen verwenden, um Prämien anzupassen oder Leistungen zu verweigern. Die Daten dürfen nur im Rahmen von freiwilligen Zusatzversicherungen genutzt werden. Im Gegensatz dazu haben Krankenkassen unter keinen Umständen Zugriff auf das EPD. Dies ist gesetzlich verankert und stellt einen der wichtigsten Schutzmechanismen des Systems dar.
Während Bonusprogramme also eine datenbasierte Grauzone darstellen, bietet das EPD eine klare rote Linie: Versicherer und Behörden bleiben aussen vor. Dies unterstreicht den Fokus des EPD auf die medizinische Behandlung und nicht auf die versicherungstechnische Bewertung.
Papierlos in die Apotheke: Wie der Barcode auf dem Handy Medikamentenfehler verhindert
Einer der unmittelbarsten und greifbarsten Vorteile des Elektronischen Patientendossiers manifestiert sich direkt in der Apotheke. Stellen Sie sich vor: Kein Suchen mehr nach verknitterten Papierrezepten, keine Unsicherheit, ob der Apotheker alle relevanten Informationen zu Allergien oder bestehender Medikation hat. Mit dem EPD wird das eRezept zur Realität. Ihr Arzt übermittelt das Rezept digital und sicher in Ihr Dossier. In der Apotheke zeigen Sie lediglich einen Barcode auf Ihrem Smartphone, und der Apotheker hat Zugriff auf alle notwendigen Informationen.
Dieser Prozess ist nicht nur bequemer, sondern erhöht vor allem die Patientensicherheit massiv. Medikationsfehler, verursacht durch unleserliche Handschriften, vergessene Angaben zu Unverträglichkeiten oder gefährliche Wechselwirkungen zwischen Medikamenten verschiedener Ärzte, sind eine ernstzunehmende Gefahr im Gesundheitssystem. Das EPD schafft hier eine zentrale, verlässliche Informationsquelle. Der Apotheker kann Ihre gesamte Medikationsliste einsehen und Sie so vor potenziell gefährlichen Interaktionen warnen.
Trotz dieses klaren Nutzens ist die Akzeptanz des EPD in der Schweiz noch verschwindend gering. Die bereits erwähnte Statistik, wonach weniger als 1% der Bevölkerung ein EPD besitzt, zeigt die gewaltige Lücke zwischen dem Potenzial zur Fehlervermeidung und der aktuellen Nutzung. Um von diesen Vorteilen zu profitieren, ist der erste Schritt die Eröffnung eines eigenen Dossiers. Der Prozess ist standardisiert und erfordert nur wenige Schritte.
Ihr Aktionsplan zur Eröffnung eines EPD in der Schweiz
- Anbieter wählen: Wählen Sie eine zertifizierte Stammgemeinschaft als Ihren EPD-Anbieter. Die Wahl ist frei und unabhängig von Wohnort oder Krankenkasse.
- Identität prüfen: Erstellen Sie eine elektronische Identität (e-ID) oder nutzen Sie eine bestehende, um sich sicher zu identifizieren.
- Einwilligung geben: Unterschreiben Sie das Einwilligungsformular. Dies kann je nach Anbieter physisch oder volldigital geschehen.
- EPD-Eröffnung abwarten: Die technische Anlage Ihres persönlichen Dossiers durch die Stammgemeinschaft kann einige Tage in Anspruch nehmen.
- Zugang aktivieren: Nach Erhalt Ihrer Zugangsdaten verknüpfen Sie diese bei der ersten Anmeldung mit Ihrer e-ID, um den Zugang freizuschalten.
Die papierlose Apotheke ist somit mehr als nur eine Bequemlichkeit. Sie ist ein aktiver Beitrag zur eigenen Gesundheitssicherheit und ein Paradebeispiel dafür, wie eine durchdachte digitale Infrastruktur konkrete Probleme im Gesundheitsalltag lösen kann.
Diabetes-Management per App: Wie digitale Helfer den Blutzucker stabilisieren
Für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes ist das tägliche Management von Messwerten, Medikation und Lebensstil eine enorme Belastung. Blutzuckerwerte müssen mehrmals täglich gemessen, Insulindosen berechnet und Mahlzeiten protokolliert werden. Digitale Gesundheitsanwendungen, die nahtlos mit dem EPD interagieren, bieten hier ein revolutionäres Potenzial, um Patienten zu entlasten und die Behandlungsqualität nachhaltig zu verbessern.
Moderne Blutzuckermessgeräte können ihre Daten automatisch an eine Smartphone-App senden. Diese App kann die Werte nicht nur speichern, sondern auch visualisieren, Trends erkennen und bei drohenden Hypo- oder Hyperglykämien warnen. Der entscheidende nächste Schritt ist die Integration dieser Daten ins EPD. Anstatt beim nächsten Arztbesuch ein unvollständiges, von Hand geführtes Tagebuch vorzulegen, kann der Diabetologe mit Zustimmung des Patienten direkt auf die lückenlosen, digitalen Protokolle zugreifen. Dies ermöglicht eine viel präzisere Anpassung der Therapie und eine bessere Einschätzung des Behandlungsverlaufs.

Diese digitalen Helfer verwandeln das Smartphone in eine persönliche Gesundheitszentrale. Sie fördern die Selbstwirksamkeit der Patienten und machen sie zu aktiven Partnern im Behandlungsprozess. Das Potenzial ist riesig, und der Markt wächst rasant. Für die Schweiz wird ein jährliches Umsatzwachstum von 10,52% im Digital Health Markt prognostiziert, mit einem erwarteten Marktvolumen von 1,886 Mrd. € bis 2029. Dieser Trend zeigt, dass digitale Gesundheitslösungen ein zentraler Baustein der zukünftigen Versorgung sein werden.
Der Mehrwert entsteht durch die Kombination von patientengenerierten Daten (aus Apps und Sensoren) und ärztlichen Dokumenten (Laborberichte, Diagnosen) an einem einzigen, sicheren Ort – dem EPD. So entsteht ein 360-Grad-Blick auf die Gesundheit, der eine personalisierte und proaktive Medizin erst möglich macht. Die Technologie dient hier nicht der Überwachung, sondern der Ermächtigung.
Für Diabetes-Patienten bedeutet dies konkret: weniger manuelle Arbeit, bessere Kontrolle über den Blutzucker und eine fundiertere Zusammenarbeit mit dem Behandlungsteam. Das EPD wird so von einem passiven Datenspeicher zu einem aktiven Instrument des Gesundheitsmanagements.
Notfallzugriff ja oder nein? Wie Sie entscheiden, welcher Arzt was sehen darf
Die vielleicht grösste Angst vieler Bürger gegenüber dem EPD ist der Kontrollverlust – die Vorstellung, dass plötzlich „jeder“ auf die eigenen, intimsten Gesundheitsdaten zugreifen kann. Diese Sorge ist verständlich, basiert aber auf einem Missverständnis der grundlegenden Architektur des EPD. Der Kern des Systems ist nicht die zentrale Speicherung, sondern die dezentrale Kontrolle durch den Patienten. Sie sind der alleinige Herrscher über Ihr digitales Dossier.
Das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) definiert klar die Ziele und den Rahmen. Es geht nicht um Datensammelei, sondern um die Stärkung des Patienten.
Mit dem elektronischen Patientendossier sollen die Qualität der medizinischen Behandlung gestärkt, die Behandlungsprozesse verbessert, die Patientensicherheit erhöht und die Effizienz des Gesundheitssystems gesteigert werden
– Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG), e-Health Suisse
In der Praxis bedeutet das: Sie erteilen Zugriffsrechte aktiv und granular. Für jeden Arzt, jedes Spital oder jede Apotheke können Sie festlegen:
- Wer darf zugreifen? (z.B. nur Ihre Hausärztin)
- Was darf eingesehen werden? (z.B. nur die Laborberichte, aber nicht die psychiatrischen Gutachten)
- Wie lange gilt der Zugriff? (z.B. für einen Monat während einer spezifischen Behandlung)
Was aber passiert in einem echten Notfall, wenn Sie nicht ansprechbar sind? Auch hier behalten Sie die Kontrolle. Sie können im Voraus festlegen, ob Sie einen Notfallzugriff erlauben oder nicht. Wenn Sie zustimmen, können autorisierte Gesundheitsfachpersonen über einen speziellen „Break-the-Glass“-Mechanismus auf Ihre Daten zugreifen. Wichtig dabei: Jeder einzelne Notfallzugriff wird lückenlos protokolliert. Sie sehen im Nachhinein ganz genau, wer wann auf welche Dokumente zugegriffen hat. Dieser transparente Mechanismus soll Missbrauch verhindern und gleichzeitig sicherstellen, dass im Ernstfall lebenswichtige Informationen (z.B. über Allergien oder Blutgruppe) verfügbar sind.
Die Entscheidung „Notfallzugriff ja oder nein“ ist eine persönliche Abwägung zwischen maximaler Sicherheit im Notfall und maximaler Privatsphäre. Das EPD zwingt Sie nicht zu einer Entscheidung, sondern gibt Ihnen das Werkzeug, diese selbstbestimmt zu treffen.
Neon, Zak oder Privatbank: Wo sind Ihre Gebühren niedriger und der Service besser?
Die Frage nach dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis treibt uns in vielen Lebensbereichen um. So wie wir bei Bankkonten die Gebühren von Neobanken wie Neon und Zak mit denen traditioneller Privatbanken vergleichen, um den besten Deal zu finden, so etabliert sich auch im Gesundheitswesen ein ähnliches Denkmuster. Hier geht es jedoch nicht primär um Kontoführungsgebühren, sondern um einen „Wert“-Tausch: persönliche Daten gegen finanzielle Vorteile oder verbesserte Services.
Die Bonusprogramme der Schweizer Krankenkassen sind das prominenteste Beispiel für dieses Modell. Sie schaffen Anreize für gesundheitsbewusstes Verhalten. Wer sich ausreichend bewegt, zur Vorsorge geht oder an Challenges teilnimmt, sammelt Punkte, die in Bargeld oder Prämienrabatte umgewandelt werden können. Die Angebote und die damit verbundenen „Auszahlungen“ unterscheiden sich jedoch erheblich von Kasse zu Kasse.
Der Vergleich der verschiedenen Programme zeigt, wie unterschiedlich die Versicherer den „Wert“ Ihrer Fitnessdaten bewerten. Die folgende Tabelle, basierend auf einer Analyse von Moneyland, gibt einen Überblick über die Konditionen einiger grosser Anbieter.
| Versicherung | Programm | Maximale Punkte/Jahr | Wert in CHF | Mindestalter |
|---|---|---|---|---|
| Helsana | Helsana+ | 30’000 (Vollversion) | Über 300 CHF | 12 Jahre |
| CSS | myStep | Nicht spezifiziert | Max. 146 CHF | 18 Jahre |
| Visana | MyPoints | Variable | 10 Rappen/Punkt | 12 Jahre |
| Swica | Benevita | Variable | 1 Rappen/Punkt | Nur Erwachsene |
Diese Modelle basieren auf einer freiwilligen Datenweitergabe im Rahmen von Zusatzversicherungen. Im Gegensatz dazu ist das EPD strikt auf die medizinische Behandlung fokussiert und vom Versicherungsgeschäft entkoppelt. Es gibt keine „Punkte“ oder „Rabatte“ für die Nutzung – der einzige „Wert“ ist die Verbesserung der eigenen Gesundheitsversorgung und Sicherheit.
Letztlich müssen Sie entscheiden, welchem Modell Sie mehr vertrauen: dem kommerziellen Anreizsystem einer Versicherung oder dem gesetzlich geschützten, nicht-kommerziellen Raum des EPD. Beide haben ihre Berechtigung, doch ihre Zwecke sind fundamental verschieden.
Nach dem Nein zur Privat-ID: Wie der Bund jetzt eine vertrauenswürdige digitale Identität baut
Ein sicherer digitaler Ausweis ist die Eingangstür zu sensiblen Online-Dienstleistungen – allen voran zum Elektronischen Patientendossier. Ohne eine breit akzeptierte und vertrauenswürdige Methode zur Identifikation kann ein System wie das EPD niemals das nötige Vertrauen in der Bevölkerung gewinnen. Die Schweiz hat in dieser Frage einen langen und steinigen Weg hinter sich, der das grundsätzliche Misstrauen gegenüber nicht-staatlichen Akteuren im Bereich der digitalen Identität widerspiegelt.
Im Jahr 2021 lehnte das Schweizer Stimmvolk das erste E-ID-Gesetz wuchtig ab. Der Hauptgrund für das Scheitern war, dass private Unternehmen für die Herausgabe der digitalen Identität zuständig gewesen wären. Für eine Mehrheit der Bürger war es undenkbar, eine derart hoheitliche Aufgabe – die Ausstellung eines Ausweises – in private Hände zu geben. Das klare Verdikt zwang den Bund zum Umdenken und zur Ausarbeitung einer neuen, rein staatlichen Lösung.
Der Kampf um das Vertrauen war damit aber noch lange nicht gewonnen. Auch die staatliche Lösung wurde nur äusserst knapp angenommen. Die eidgenössischen Abstimmungsergebnisse zeigen die tiefe Spaltung des Landes in dieser Frage: Während 2021 noch 64,4% Nein zur privaten E-ID sagten, fand die staatliche Variante 2025 nur eine hauchdünne Mehrheit von 50,4%. Die Differenz betrug gerade einmal 21’266 Stimmen. Dies illustriert, wie fragil das Vertrauen in staatliche Digitalprojekte nach wie vor ist.
Experten sind sich einig, dass die schleppende Einführung und geringe Akzeptanz des EPD direkt mit dem Fehlen einer etablierten E-ID zusammenhängt. Die Digitale Gesellschaft Schweiz argumentiert in ihrer Stellungnahme, dass das EPD ohne einen breit akzeptierten, staatlichen digitalen Ausweis ein Nischenprodukt bleiben wird. Die neue staatliche E-ID ist somit nicht nur ein technisches Projekt, sondern die Grundvoraussetzung für das Funktionieren des digitalen Gesundheitswesens der Zukunft.
Die knappe Annahme der staatlichen E-ID ist kein Freipass, sondern ein Vertrauensvorschuss. Der Bund muss nun beweisen, dass er in der Lage ist, eine Lösung zu schaffen, die nicht nur sicher und funktional ist, sondern auch die Privatsphäre der Bürger kompromisslos schützt.
Das Wichtigste in Kürze
- Datensouveränität ist der Kern: Der grösste Wert des EPD ist nicht die Effizienz, sondern die granulare Kontrolle, die es Ihnen über Ihre eigenen Gesundheitsdaten gibt.
- Die realen Risiken liegen ausserhalb: Kommerzielle Gesundheits-Apps und Fitness-Tracker stellen oft ein grösseres Datenschutzrisiko dar als das streng regulierte EPD.
- Vertrauen ist historisch bedingt: Die Schweizer Skepsis gegenüber digitalen Grossprojekten ist tief in der Geschichte (z.B. Fichenskandal) verwurzelt und erklärt die langsame Adaption.
E-ID und digitales Dossier: Warum tut sich die Schweiz so schwer mit der Digitalisierung des Staates?
Trotz hoher Innovationskraft und digitaler Affinität der Bevölkerung nimmt die Schweiz bei der Digitalisierung des Staates und des Gesundheitswesens eine auffällige Aussenseiterrolle ein. Im Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung belegt die Schweiz einen der letzten Plätze. Dieser Rückstand ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines tief verwurzelten, historisch gewachsenen Misstrauens gegenüber zentralen staatlichen Datenprojekten.
Das Zögern beim EPD und die haarscharfe Annahme der staatlichen E-ID sind direkt auf ein nationales Trauma zurückzuführen: den Fichenskandal der späten 1980er-Jahre. Die Enthüllung, dass staatliche Behörden heimlich Dossiers über Hunderttausende von Bürgern angelegt hatten, erschütterte das Vertrauen in den Staat fundamental. Dieses „digitale Misstrauen“ ist bis heute spürbar und prägt die öffentliche Debatte. Eine GFS Bern-Umfrage im Vorfeld der E-ID-Abstimmung bestätigte dieses Muster: Das stärkste Argument der Gegner war stets die Sorge um einen ungenügenden Schutz der Privatsphäre.
Diese Skepsis führt zu einem Paradox: Aus Angst vor einem potenziellen Missbrauch durch ein kontrolliertes, staatliches System geben viele Bürger ihre Daten unbedarft an unregulierte, kommerzielle Akteure im Ausland weiter. Die Daten aus der Fitness-App oder dem Symptom-Checker landen oft auf Servern von Tech-Giganten, deren Geschäftsmodell die Datenverwertung ist, während man dem nationalen, gesetzlich geschützten EPD misstraut.
Die Politik reagiert auf die geringe Nutzungsrate nun mit einem Paradigmenwechsel. Der Bundesrat plant eine Revision des EPDG, die eine Opt-Out-Lösung vorsieht. Künftig soll für alle Personen in der Schweiz automatisch ein EPD eröffnet werden, es sei denn, man legt aktiv Widerspruch ein. Dieser Schritt soll die Verbreitung massiv erhöhen, birgt aber auch das Risiko, das fragile Vertrauen weiter zu untergraben, wenn er nicht transparent und bürgerfreundlich umgesetzt wird.
Der nächste Schritt für die Schweiz ist daher nicht nur ein technologischer, sondern vor allem ein kultureller. Es geht darum, eine neue Vertrauensarchitektur zu schaffen, die den Bürgern beweist, dass Datensouveränität im digitalen Zeitalter nicht nur ein Versprechen, sondern gelebte Realität sein kann. Der bewusste und informierte Umgang mit dem EPD ist der erste Schritt jedes Einzelnen auf diesem Weg.
Häufige Fragen zum Elektronisches Patientendossier (EPD)
Wer kann auf mein elektronisches Patientendossier zugreifen?
Sie entscheiden, welche Gesundheitsfachperson welche Dokumente für wie lange in Ihrem EPD einsehen darf. Sie können das Zugriffsrecht auch einer Gruppe von Gesundheitsfachpersonen erteilen, z.B. einer Spitalabteilung oder Apotheke.
Haben Krankenkassen Zugriff auf mein EPD?
Nein. Im EPD werden keine Unterlagen von Behörden oder Krankenversicherungen abgelegt. Deshalb haben diese auch keinen Zugriff auf das EPD.
Was passiert im Notfall?
Das ‚Break-the-Glass‘-Prinzip ermöglicht einen Notfallzugriff, wobei jede Aktion lückenlos protokolliert wird, um Transparenz zu schaffen und Missbrauch zu verhindern.