Moderne CO2-Filteranlage der Schweizer Klimatechnologie vor alpiner Landschaft mit erneuerbarer Energieinfrastruktur
Veröffentlicht am April 22, 2024

Die wahre Stärke der Schweizer Cleantech-Branche liegt nicht in einer einzelnen Technologie wie Climeworks, sondern in einem diversifizierten, exportfähigen Portfolio, das die gesamte Kette der Dekarbonisierung abdeckt.

  • Direkte CO2-Entfernung (DAC) und -Speicherung (CCS) bilden die letzte Verteidigungslinie für unvermeidbare Emissionen.
  • Prozessoptimierung wie die Pinch-Analyse reduziert den Energiebedarf an der Quelle und ist oft wirtschaftlicher.
  • Staatliche Instrumente wie der Technologiefonds ermöglichen die Skalierung dieser Innovationen durch die Minderung von Investitionsrisiken.

Empfehlung: Betrachten Sie Investitionen in Schweizer Klimatechnologie nicht als Einzelwetten, sondern als strategische Allokation in ein systemisches Lösungsportfolio, das von Reduktion über Entnahme bis hin zu Wiederverwendung reicht.

Die Schlagzeilen werden oft von spektakulären Anlagen dominiert, die Kohlendioxid direkt aus der Atmosphäre filtern. Namen wie Climeworks sind zum Synonym für Schweizer Innovationskraft im Kampf gegen den Klimawandel geworden. Die Faszination für diese „End-of-Pipe“-Lösungen ist verständlich, denn sie bieten eine greifbare Antwort auf ein globales Problem. Doch viele Diskussionen kratzen nur an der Oberfläche und preisen die eine oder andere Technologie als Allheilmittel an. Sie übersehen dabei, dass die wahre Revolution nicht in einer einzelnen Erfindung liegt, sondern in der intelligenten Verknüpfung verschiedener Ansätze.

Aber was, wenn der Fokus auf eine einzelne Technologie den Blick auf das grosse Ganze verstellt? Was, wenn die eigentliche Genialität des Schweizer Ansatzes nicht nur im „Saugen“ von CO2 liegt, sondern in einem umfassenden, systemischen Ansatz zur Dekarbonisierung? Dieser Artikel argumentiert, dass die Rettung des Weltklimas nicht von einer einzigen Wunderwaffe abhängt, sondern von einem diversifizierten Portfolio an Technologien – einem Bereich, in dem die Schweiz eine einzigartige Führungsrolle einnimmt. Wir werden untersuchen, wie Lösungen zur Effizienzsteigerung, zur CO2-Abscheidung, zur Finanzierung und zur Energieerzeugung ein zusammenhängendes Ökosystem bilden, das weit über das hinausgeht, was ein einzelnes Unternehmen leisten kann. Es ist die Geschichte eines technologischen Portfolios, das für den globalen Export konzipiert ist.

Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten des Schweizer Cleantech-Ökosystems. Wir werden uns nicht nur mit der CO2-Speicherung befassen, sondern auch untersuchen, wie industrielle Prozesse effizienter gestaltet, neue Kraftstoffe entwickelt und innovative Projekte finanziert werden. So entfaltet sich das Gesamtbild einer umfassenden Klimastrategie.

Wohin mit dem CO2? Warum wir das Gas nach Island pumpen müssen, um es zu versteinern

Die Idee, CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, ist nur die halbe Miete. Die entscheidende Frage lautet: Wohin damit? Die Schweiz, mit ihrer begrenzten geologischen Eignung, stösst hier an ihre Grenzen. Die Lösung ist ein Paradebeispiel für globalisierte Klimatechnologie und den Export von Schweizer Know-how: der Transport von CO2 nach Island. Dort wird das Gas in tiefe Basaltformationen gepresst, wo es innerhalb weniger Jahre auf natürliche Weise mineralisiert und zu Stein wird. Dieser Prozess, bekannt als Carbon Capture and Storage (CCS), verwandelt ein flüchtiges Problem in eine dauerhaft gebundene, geologische Realität. Dies ist keine Science-Fiction, sondern bereits gelebte Praxis.

Pilotprojekt DemoUpCARMA: Schweizer CO2 wird zu isländischem Stein

Seit 2024 testet das Pilotprojekt DemoUpCARMA den Transport von 100 Tonnen CO2 aus der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Bern nach Island. Das in 300-400 Meter Tiefe verpresste CO2 reagiert mit dem Basaltgestein und mineralisiert zu Kalkstein. Diese vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) und dem Bundesamt für Energie (BFE) unterstützte Methode stellt eine der sichersten und dauerhaftesten Speicherlösungen dar, die derzeit verfügbar sind. Es ist ein konkreter Beweis für die Machbarkeit der internationalen CO2-Logistikkette.

Die Effizienz dieses transkontinentalen Vorhabens ist beeindruckend. Unter Berücksichtigung des Transports per Schiff und der Prozesse vor Ort werden netto 750-800 kg CO2 pro gespeicherter Tonne dauerhaft aus dem Kreislauf entfernt. Dies belegt, dass die Logistikkosten und -emissionen den Gesamtnutzen nicht zunichtemachen. Für einen Investor bedeutet dies eine validierte, skalierbare und vor allem messbare Methode zur Emissionsneutralisierung. Das Potenzial ist gewaltig, wie Douglas Chan, Chief Operating Officer von Climeworks, betont:

Geologisch betrachtet gibt es kein Limit für die CO2-Speicherung in und um die Insel – selbst wenn die ganze Menschheit ihr CO2 hier speichern wollen würde.

– Douglas Chan, Chief Operating Officer Climeworks

Diese Vision der unbegrenzten Speicherkapazität positioniert die Schweiz als Pionierin eines globalen CO2-Management-Marktes, bei dem Technologie und Logistik zu einem exportierbaren Gesamtpaket verschmelzen.

Pinch-Analyse: Wie Fabriken ihre Abwärme nutzen, um den Gasverbrauch zu halbieren

Während CCS eine Lösung für bereits emittiertes oder schwer vermeidbares CO2 darstellt, liegt der grösste Hebel in der Reduktion an der Quelle. Hier kommt eine weniger glamouröse, aber extrem wirkungsvolle Schweizer Spezialität ins Spiel: die Pinch-Analyse. Dieses Verfahren der Prozessintegration ist im Grunde eine hocheffiziente Form des industriellen Energie-Recyclings. Es analysiert sämtliche Wärme- und Kälteströme in einer Fabrik, um Abwärme von einem Prozessschritt gezielt dorthin zu leiten, wo an anderer Stelle Wärme benötigt wird. Das Ziel ist die maximale interne Wärmerückgewinnung, bevor überhaupt externe Energie in Form von Gas oder Strom zugeführt wird.

Der „Pinch“ ist jener kritische Punkt im System, der den Prozess in einen wärmeüberschüssigen und einen wärmebedürftigen Bereich teilt. Durch den intelligenten Einsatz von Wärmetauschern über diese Grenze hinweg kann der externe Energiebedarf drastisch gesenkt werden – oft um bis zu 50% oder mehr. Für einen Investor ist dies die eleganteste Form der Dekarbonisierung: eine, die nicht nur Emissionen senkt, sondern durch massive Kosteneinsparungen direkt die Profitabilität steigert. Es ist der Beweis, dass Klimaschutz und wirtschaftliche Effizienz zwei Seiten derselben Medaille sind.

Detailaufnahme eines industriellen Wärmetauscher-Systems mit sichtbaren Dampfleitungen und Energieflüssen

Diese Methode ist ein Kernstück des systemischen Portfolio-Ansatzes. Jede Tonne CO2, die dank einer Pinch-Analyse gar nicht erst entsteht, muss später nicht teuer aus der Luft gefiltert und gespeichert werden. Es ist eine präventive Massnahme, die die Effizienz an die erste Stelle setzt und die Grundlage für eine nachhaltige Industrieproduktion legt.

Ihr Fahrplan zur Pinch-Analyse: 5 Schritte zur Effizienz

  1. Erfassung aller Wärmeströme und Temperaturniveaus im Produktionsprozess
  2. Erstellung des Temperatur-Enthalpie-Diagramms zur Identifikation der Pinch-Temperatur
  3. Analyse der Wärmeintegrationspotenziale oberhalb und unterhalb des Pinch-Punkts
  4. Dimensionierung und Auswahl geeigneter Wärmetauscher-Systeme
  5. Integration in bestehende Prozessleittechnik und kontinuierliches Monitoring der Energieeffizienz

Schweizer Filter weltweit: Wie Low-Tech-Lösungen Millionen Menschen sauberes Wasser bringen

Das Schweizer Cleantech-Portfolio zeichnet sich durch seine beeindruckende Bandbreite aus. Es umfasst nicht nur hochkomplexe, kapitalintensive Technologien zur Dekarbonisierung, sondern auch pragmatische, robuste und kostengünstige Lösungen für grundlegende menschliche Bedürfnisse. Ein herausragendes Beispiel ist der Sektor der Wasserfiltration. Schweizer Unternehmen und NGOs haben sich darauf spezialisiert, einfache, aber äusserst effektive Filtersysteme zu entwickeln, die ohne Strom oder komplexe Wartung auskommen. Diese „Low-Tech“-Innovationen haben einen massiven globalen Impact, indem sie Millionen von Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen.

Diese Technologien basieren oft auf Schwerkraft, Keramikfiltern oder Membrantechnologie und sind so konzipiert, dass sie vor Ort mit einfachen Mitteln gewartet und sogar hergestellt werden können. Aus Investorensicht mag dies nicht nach dem nächsten „Unicorn“ klingen, doch der Schein trügt. Dieser Sektor ist ein Paradebeispiel für Impact Investing mit skalierbarer Wirkung. Die Verbesserung der Gesundheit, die Reduzierung von Krankheiten und die Einsparung von Zeit (die sonst für das Abkochen von Wasser oder weite Wege zur Wasserbeschaffung aufgewendet würde) haben immense sozioökonomische Folgen.

Menschen in ländlicher Umgebung nutzen einen einfachen, robusten Wasserfilter aus Schweizer Produktion

Die Stärke dieses Teils des Portfolios liegt in seiner Dezentralität und seiner direkten, messbaren Verbesserung der Lebensqualität. Es zeigt, dass Schweizer Innovationskraft nicht auf High-Tech beschränkt ist, sondern sich durch einen tiefen Sinn für Angemessenheit und Problemlösung auszeichnet. Es stärkt die Marke „Schweiz“ weltweit als Garant für Qualität und Zuverlässigkeit, was wiederum dem gesamten Cleantech-Sektor zugutekommt. Es ist die humanitäre Flanke des Technologie-Exports, die das Portfolio abrundet und ihm eine soziale Legitimität verleiht, die reine CO2-Metriken allein nicht erfassen können.

Fliegen mit Sonnenlicht: Wie Schweizer Solartreibstoff die Luftfahrt dekarbonisieren will

Nach der Reduktion an der Quelle (Pinch-Analyse) und der Entsorgung unvermeidbarer Emissionen (CCS) schliesst sich der Kreis mit dem Konzept der Wiederverwendung: Carbon Capture and Utilization (CCU). Hierbei wird abgeschiedenes CO2 nicht eingelagert, sondern als Rohstoff für neue Produkte genutzt. Das ambitionierteste Beispiel aus der Schweiz ist die Entwicklung von synthetischen, CO2-neutralen Kraftstoffen – oft als „Solar Fuels“ oder E-Fuels bezeichnet. Die Vision: Mit erneuerbarer Energie (z.B. aus Solarkraft) wird Wasserstoff erzeugt, der dann mit abgeschiedenem CO2 zu flüssigem Treibstoff wie Kerosin synthetisiert wird. Das Flugzeug, das diesen Treibstoff verbrennt, emittiert nur so viel CO2, wie zuvor der Atmosphäre entzogen wurde, wodurch ein geschlossener Kreislauf entsteht.

Dieses Feld ist der technologische Horizont des Schweizer Cleantech-Portfolios und adressiert einen der am schwierigsten zu dekarbonisierenden Sektoren: die Luftfahrt. Die Skalierung ist eine immense Herausforderung und erfordert enorme Mengen an erneuerbarer Energie und abgeschiedenem CO2. Genau hier wird die systemische Natur des Portfolios sichtbar: Die Weiterentwicklung von Climeworks und anderen DAC-Anbietern ist die direkte Voraussetzung für eine zukünftige E-Fuel-Wirtschaft. Die neue „Mammoth“-Anlage von Climeworks in Island, die bei voller Kapazität 36.000 Tonnen CO2 pro Jahr filtern kann, ist ein entscheidender Schritt auf diesem Weg.

Dieser „Scale-Up“ ist nicht nur eine technische, sondern auch eine unternehmerische Meisterleistung. Jan Wurzbacher, Mitgründer von Climeworks, fasst die aktuelle Phase treffend zusammen:

Der heutige Tag steht ganz im Zeichen von Scale-Up. Die Eröffnung der neuen Anlage signalisiert die Phase des schnellen Wachstums des Start-ups.

– Jan Wurzbacher, Co-Gründer und Co-Geschäftsführer von Climeworks

Für Investoren ist dies der riskanteste, aber potenziell lukrativste Teil des Portfolios. Es ist eine Wette auf eine Zukunft, in der schwer elektrifizierbare Sektoren nicht dekarbonisiert, sondern durch eine neue, zirkuläre Kohlenstoffwirtschaft transformiert werden. Der Erfolg hängt von technologischen Durchbrüchen, politischem Willen und massiven Investitionen ab.

Technologiefonds des Bundes: Wer bürgt für Ihr Start-up, wenn Banken das Risiko scheuen?

Ein innovatives Technologieportfolio ist nur so stark wie seine Fähigkeit, von der Idee zur Marktreife und schliesslich zur globalen Skalierung zu gelangen. Genau hier liegt oft die grösste Hürde für Cleantech-Start-ups: die Finanzierung. Die Entwicklungszyklen sind lang, der Kapitalbedarf ist hoch, und die technologischen Risiken sind für traditionelle Banken oft nicht tragbar. Die Schweiz hat dieses „Tal des Todes“ für junge Technologieunternehmen erkannt und mit dem Technologiefonds des Bundes ein entscheidendes Instrument geschaffen. Dieser Fonds vergibt keine direkten Kredite oder Subventionen, sondern Bürgschaften für Darlehen von kommerziellen Banken. Dadurch wird das Risiko für die Banken gemindert und der Zugang zu Kapital für innovative KMU massiv erleichtert.

Dieses Modell ist ein Meisterstück der Public-Private-Partnership. Es nutzt staatliche Garantien, um private Investitionen zu mobilisieren, ohne den Markt zu verzerren. Für einen Investor ist die Bürgschaft des Technologiefonds ein starkes Qualitätssiegel. Sie signalisiert, dass das Geschäftsmodell und die Technologie von Experten des Bundes als vielversprechend und nachhaltig eingestuft wurden. Dieses De-Risking ist ein unschätzbarer Vorteil im globalen Wettbewerb um die besten Cleantech-Innovationen. Es erklärt zu einem grossen Teil, warum Start-ups wie Climeworks in der Lage waren, die notwendigen Mittel für ihre ambitionierten Wachstumspläne zu sichern. So konnte das Unternehmen beispielsweise 2022 Investitionen von rund 600 Millionen Franken aufnehmen.

Der Technologiefonds ist der „Enabler“ des gesamten Portfolios. Er sorgt dafür, dass vielversprechende Ansätze, von der Pinch-Analyse bis zur CO2-Speicherung, die Chance erhalten, ihre Wirksamkeit im grossen Stil zu beweisen. Die strategische Übersicht über die verschiedenen Speicheroptionen und ihre Kosten ist dabei für jede Investitionsentscheidung zentral.

Die folgende Tabelle, basierend auf einer aktuellen Analyse verschiedener Speicheroptionen, bietet einen Überblick über die Kosten und Zeitrahmen, die für strategische Entscheidungen relevant sind.

Vergleich der CO2-Speicheroptionen für die Schweiz
Speicheroption Potenzial Schweiz Kosten pro Tonne Zeitrahmen
Export nach Island (CCS) Unbegrenzt CHF 300 Ab sofort
Nationale Aquifere Begrenzt, unsicher Noch unbekannt 15-20 Jahre
Mineralisierung in Beton 50-100’000 t/Jahr CHF 150-200 Ab 2025
Pyrolyse (Biokohle) Moderat CHF 200-400 Verfügbar

Warum die Schweiz im Sommer Strom exportiert, aber im Winter auf Importe angewiesen ist

Die ambitionierten Pläne für Dekarbonisierungstechnologien – von DAC-Anlagen über die Produktion von E-Fuels bis hin zur Elektrifizierung des Verkehrs – haben einen gemeinsamen, unersättlichen Nenner: Energie. Sehr viel saubere Energie. Dies legt den Finger auf die zentrale Achillesferse der Schweizer Energielandschaft, das sogenannte Winterstrom-Dilemma. Im Sommer, wenn die Sonne scheint und die Flüsse durch die Gletscherschmelze reichlich Wasser führen, produziert die Schweiz dank ihrer Wasserkraft- und Solaranlagen Strom im Überfluss und ist eine Netto-Exporteurin. Im Winter kehrt sich dieses Bild jedoch um. Die Sonneneinstrahlung ist geringer, die Flüsse führen weniger Wasser, und der Stromverbrauch für Heizung und Beleuchtung steigt. Die Schweiz wird zur Netto-Importeurin und ist von den europäischen Nachbarn abhängig.

Integration von CCS in die Schweizer Energieinfrastruktur

Die erste grosse Carbon Capture-Anlage bei einer Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in der Schweiz soll 2029 in Betrieb gehen. Dieses Projekt ist nur der Anfang: Für alle 29 Schweizer KVAs ist die CO2-Abtrennung bereits in Planung. Dies zeigt, dass die Abscheidungstechnologie nicht nur ein Nischenkonzept ist, sondern systematisch in die bestehende Energie- und Abfallinfrastruktur des Landes integriert wird, um Restemissionen zu neutralisieren.

Dieses saisonale Ungleichgewicht stellt eine fundamentale Herausforderung für die Skalierung von Cleantech dar. Eine DAC-Anlage, die nur im Sommer mit überschüssigem Solarstrom läuft, ist wirtschaftlich kaum rentabel. Die Vision einer grossflächigen E-Fuel-Produktion ist ohne eine ganzjährige, massive und stabile Versorgung mit erneuerbarer Energie undenkbar. Die Kosten für die negativen Emissionen sind dabei ein signifikanter Faktor. Schätzungen zufolge fallen allein für die Entnahme, den Transport und die Speicherung von 7 Millionen Tonnen CO2 bis 2050 Kosten von 16,3 Milliarden CHF an. Die Lösung dieses Dilemmas erfordert einen weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere der alpinen Solarenergie, die auch im Winter hohe Erträge liefert, sowie den Ausbau von Speicherkapazitäten.

Für einen Investor bedeutet dies, dass eine Wette auf eine einzelne Klimatechnologie unvollständig ist, ohne gleichzeitig in die Lösung der zugrundeliegenden Energieproblematik zu investieren. Die Attraktivität von Speichertechnologien wie Pumpspeicherkraftwerken oder Batterien steigt in diesem Kontext exponentiell. Das Energie-Dilemma ist somit nicht nur ein Risiko, sondern auch eine immense Investitionschance.

Wie Sie die Klimaverträglichkeit Ihres Portfolios mit den neuen Bundes-Scores messen

In einer Welt, in der „grün“ und „nachhaltig“ zu Marketing-Schlagwörtern geworden sind, wird eine objektive, transparente Messung der Klimawirkung immer wichtiger. Für Investoren, die ihr Kapital gezielt in die Dekarbonisierung lenken wollen, ist die Frage zentral: Wie klimafreundlich ist mein Portfolio wirklich? Um dieser Herausforderung zu begegnen und Greenwashing zu bekämpfen, hat die Schweiz die „Swiss Climate Scores“ eingeführt. Dieses Instrument bietet einen standardisierten Rahmen, um die Klimaverträglichkeit von Finanzprodukten und Portfolios zu bewerten. Es geht nicht nur darum, ob ein Unternehmen „Gutes tut“, sondern darum, wie es im Einklang mit den Zielen des Pariser Abkommens steht.

Die Scores basieren auf einer Reihe von Indikatoren, die verschiedene Aspekte der Klimaleistung abdecken. Dazu gehören: die aktuellen Treibhausgasemissionen eines Unternehmens, seine Verpflichtung zu einem glaubwürdigen Netto-Null-Ziel, seine Rolle bei der Entwicklung von Klimalösungen und die Frage, ob es eine transparente und verifizierte Übergangsstrategie zur Dekarbonisierung verfolgt. Dieser multidimensionale Ansatz ermöglicht eine differenzierte Beurteilung, die über einfache CO2-Fussabdrücke hinausgeht. Er macht sichtbar, welche Unternehmen tatsächlich Teil der Lösung sind und welche nur Lippenbekenntnisse abgeben.

Für einen Investor sind die Swiss Climate Scores ein mächtiges Werkzeug. Sie ermöglichen es, die eigene Anlagestrategie objektiv zu überprüfen und gezielt in jene Teile des „Schweizer Cleantech-Portfolios“ zu investieren, die den grössten, nachweisbaren Klima-Impact haben. Es schafft eine gemeinsame Sprache zwischen Finanzprodukten und Klimazielen und macht die Investitionsentscheidung zu einem bewussten Akt der Steuerung. Anstatt blind auf Labels zu vertrauen, können Investoren nun datengestützte Entscheidungen treffen und ihr Kapital dorthin lenken, wo es die Transformation am effektivsten vorantreibt. Dies erhöht nicht nur die Transparenz, sondern auch die tatsächliche Wirksamkeit von Klimainvestitionen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Portfolio-Ansatz ist entscheidend: Die Stärke der Schweiz liegt in der Kombination von Technologien zur Reduktion (Pinch), Entnahme (DAC) und Wiederverwendung (CCU) von CO2.
  • Skalierung erfordert Kapital und Politik: Instrumente wie der Technologiefonds sind unerlässlich, um das Risiko für private Investoren zu senken und Innovationen zur Marktreife zu bringen.
  • Die Energiewende ist die Basis: Ohne eine Lösung für das Winterstrom-Dilemma und einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien bleibt das Potenzial von Cleantech-Lösungen begrenzt.

Solarexpress in den Alpen: Müssen wir unberührte Berge opfern, um die Energiewende zu schaffen?

Die Diskussion um die ganzjährige Energieversorgung führt unweigerlich zu einem der emotionalsten und kontroversesten Themen der Schweizer Energiewende: dem „Solarexpress“ und dem Bau grossflächiger Solaranlagen im hochalpinen Raum. Die Logik dahinter ist aus technischer Sicht bestechend. In der Höhe gibt es mehr Sonneneinstrahlung, insbesondere im Winter, wenn das Nebelmeer im Mittelland liegt. Die kalten Temperaturen erhöhen den Wirkungsgrad der Panels, und die Reflexion des Lichts durch den Schnee (Albedo-Effekt) steigert den Ertrag zusätzlich. Alpine Solaranlagen sind somit die technisch eleganteste Antwort auf das Winterstrom-Dilemma.

Doch diese technische Eleganz kollidiert frontal mit einem anderen, tief in der Schweizer Identität verankerten Wert: dem Schutz der unberührten Alpenlandschaft. Die Vorstellung von Solarmodulen, die sich über Hänge ziehen, die bisher nur von Murmeltieren und Wanderern bevölkert wurden, ruft starken Widerstand hervor. Hier manifestiert sich der zentrale Zielkonflikt der Energiewende: der Wunsch nach sauberer, unabhängiger Energie versus dem Bedürfnis, Natur und Landschaft zu bewahren. Es ist eine Abwägung zwischen zwei Gütern, die beide einen hohen Stellenwert haben.

Alpine Solaranlage harmonisch in Schweizer Berglandschaft integriert mit Blick auf schneebedeckte Gipfel

Für einen Investor stellt dieser Konflikt ein erhebliches politisches und regulatorisches Risiko dar. Projekte können durch Einsprachen und Volksabstimmungen über Jahre blockiert oder ganz verhindert werden. Gleichzeitig bietet die Lösung dieses Konflikts eine riesige Chance. Projekte, die es schaffen, die Energieproduktion mit dem Landschaftsschutz in Einklang zu bringen – etwa durch die Nutzung vorbelasteter Flächen wie Staumauern oder Parkplätzen von Skigebieten – werden nicht nur schneller realisierbar, sondern geniessen auch eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz. Die Zukunft der Schweizer Energieversorgung und damit die Basis des gesamten Cleantech-Portfolios wird massgeblich davon abhängen, wie dieser fundamentale Konflikt gelöst wird. Es ist keine rein technische oder finanzielle, sondern vor allem eine gesellschaftliche Frage.

Dieser fundamentale Zielkonflikt erfordert eine sorgfältige Abwägung. Die Entscheidung über die Zukunft der Alpenlandschaft ist gleichzeitig eine Entscheidung über die Zukunft unserer Energieunabhängigkeit.

Häufige Fragen zu CCS und Schweizer Klimazielen

Warum kann die Schweiz CO2 nicht selbst speichern?

Die geologischen Bedingungen in der Schweiz sind begrenzt. Zwar werden Formationen im Jura und Mittelland untersucht, aber das Potenzial ist bescheiden im Vergleich zu Island mit seinen idealen Basaltformationen.

Ist CCS eine Alternative zur Emissionsreduktion?

Nein, CCS soll nur schwer vermeidbare Emissionen auffangen. Das BAFU betont, dass Emissionsreduktion höchste Priorität hat und CCS nur für unvermeidbare Restemissionen gedacht ist.

Wie sicher ist die CO2-Speicherung in Island?

Sehr sicher – das CO2 mineralisiert innerhalb weniger Jahre zu Kalkstein und bleibt dauerhaft gebunden, selbst bei Erdbeben oder Vulkanausbrüchen.

Geschrieben von Andreas Bieri, Wirtschaftsingenieur und Berater für Industrie & Aussenhandel. Experte für "Swiss Made", Exportlogistik und Innovationsmanagement in der Schweizer Technologiebranche.